Smoke on the water


Der Victoriasee ist ungefähr 300km lang und 200km breit und gleicht flächentechnisch Österreich. Trotz dieser riesigen Fläche ist er durchschnittlich nur 50 Meter tief. In dieser Tiefe tümmeln sich Horden von kleinen ca. 5 cm langen Fischen, Dagaa die mit Vorliebe von der hiesigen Bevölkerung verspeist werden. Nur wie bekommt man diese kleinen Bengel vom See auf den Teller?


Sonnenuntergang am Victoria-See
Sonnenuntergang am Victoria-See: Für viele Fischer der Beginn eines langen Arbeitstages (Foto von Julius Lotz, Copyright Julius Lotz)

Man nehme ein kleines Floß aus leichtem Holz und eine Kerosinlampe, die man auf jenem Floß festzurrt. Danach fülle man diese Lampe mit Treibstoff. Dann fahre man nachts auf den See und lege das Floß in den See und zünde die Lampe an. Das Floß muss man etwas ruhen lassen, damit sich die Tierchen wohl fühlen können. Nach ungefähr einer Stunde drehe man einen Donut mit dem Boot um die Lampe und werfe ein Netz in jenem Kreis um die Lichtquelle aus. Dann ziehe man die Schlinge um die Fische immer enger. Im Anschluss hebe man das Netz ins Boot, um den Fischen den schönen nächtlichen Abendhimmel mit einer angenehmen Brise zeigen zu können. Voller Freude hüpfen die Fische auf und ab und verstummen wegen dieser unglaublichen Schönheit nach einer Weile. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Unser Projekt: Solares Fischen

Bei der obrigen Vorgehensweise hat man nur eine Sache nicht wirklich durchdacht – man spielt mit Feuer. In vielen Orten der Welt wird zusätzlich noch mit großem Feuer gefischt: Dynamit. Was das für Krater im Ökosystem hinterlässt kann man mit bloßem Auge erkennen. Feuer hat mitunter gewisse Nebenwirkungen wie Treibhausgase. Das bringt gewisse Nachteile wie den Klimawandel und daraus entstehende spaßige Angelegenheiten wie Dürren, Hurrikane und so weiter mit sich. Was Kinder sich zu Weihnachten wünschen, aber in der Realität nicht ganz so spaßig ist wie gedcht, ähnlich wie Piraten. Im Vergleich zu den Industriestaaten sind die Emissionen ein erbärmlicher Witz. Dennoch ist es natürlich wünschenswert den Klimawandel überall wo möglich zu bekämpfen. Alle Dinge fangen klein an. TAREA, meine NGO, hat sich erneuerbaren Energien verschrieben und versucht diese so gut wie möglich zu bewerben und verbreiten. Unser Projekt ist es, die Fischer mit solaren Lampen zu versorgen. Diese bieten neben der Klimafreundlichkeit noch andere Vorteile:

  • (Noch) kostenloses Sonnenlicht --> Auf lange Sicht billiger
  • Höhere und konstante Helligkeit --> Steigerung des Fangs
  • Kein Nachfüllen von Treibstoff während der Nacht
  • Keine Explosions- und Brandgefahr

Wenn man sich das durchliest, fragt man sich, warum immer noch Kerosinlampen benutzt werden. Das liegt dem Faktor zugrunde, der der Menschheit wichtig ist: Die Kosten. Eine Kerosinlampe kostet ca. 15€, während eine solarbetriebene Lampe über 150€ kostet. Wenn man bedenkt, dass die Fischer mindestens 3 solcher Lampen besitzen sollten, um effektiv fischen zu können, ist es verständlich, dass dies die Finanzierungsmöglichkeiten der Fischer übersteigt. Ich kann schon die Stimmen hören, die einwerfen, dass man doch dafür sparen kann und es sich dann leisten kann. Ich erlebe, dass dieses Bewusstsein in meinem Umkreis eher gering ausgeprägt ist und Geld ausgegeben wird, wenn es zur Verfügung steht, was diese Strategie zunichte macht.

Und genau an dieser Schwachstelle kommen wir ins Spiel. TAREA ermöglicht mit der Hilfe der Organisation Mwanza e. V. aus Würzburg den Fischern die Finanzierung der Lampen über 7 Monate, wobei sie täglich einen geringeren Preis zahlen (knapp 1€/Tag) als sie für Kerosin ausgeben würden. Außerdem werden die Fischer in Sparpolitik geschult, um Rückschläge, wie ein Krankheitsfall in der Familie, besser wegstecken zu können. Von dem eingesammelten Geld werden außerdem weitere Lampen gekauft damit das Projekt nachhaltig weitergeführt werden kann.

Ein Problem bleibt leider bestehen und dagegen kann nicht wirklich angegangen werden: Und zwar wenn die Lampe untergeht, gestohlen oder von einem gigantischem Dinosaurier gefressen wird (falls kein Industrieabfall mehr da ist). Die Fischer sind dann nicht in der Lage die Lampe weiter zu bezahlen (zumindest sagen sie das, die Fischer sind sicherlich nicht die ärmste Schicht der Bevölkerung, es ist zwar wirklich eine sehr anstrengende und ätzende Arbeit, aber wenn es sich nicht lohnen würde, würden sie es höchstwahrscheinlich nicht machen). Für diesen Fall müssen wir uns noch etwas überlegen. Vielleicht könnten wir uns darauf einigen, dass sie einen prozentuellen Anteil zahlen.

Um sich anzuschauen, wie viel Tansania zum Klimawandel beiträgt, kann man ersatzweise den CO2-Ausstoß pro Person betrachten. Tansania wirbelt ca. 0,15 Tonnen/Person im Jahr in die Luft, ein Deutscher ca. 10 Tonnen. Ironischerweise ist die Fläche Tansanias doppelt so groß und trotzdem leben dort nur 45 Millionen Einwohner. Vielleicht würde es mehr bringen, wenn wir Deutschen nicht mehr mit dem Auto zum Bäcker fahren würden, als dass alle hiesigen Fischer keine Kerosinlampen mehr verwenden. Oder kein Freiwilliger zu sein, dessen Eltern ihn besuchen kommen.

Nichtsdestotrotz ist es ein Schritt in die richtige Richtung, der auch noch nebenbei Vorteile für die Fischer bringt. Eigentlich eine ideale Situation – nur empfinde ich die meisten Tansanier, die ich kenne, als eher kurzsichtig. In die Zukunft zu schauen ist eher weniger ihr Ding – aber sie sind im Vergleich zu uns auch viel schlechter abgesichert. Wir Deutschen mit unseren hunderten Versicherungen und Ansprüche gegenüber dem Staat haben eigentlich fast nichts zu befürchten. Wenn in Tansania jemand krank wird oder einen Unfall hat, kann das diese Person in den Ruin stürzen und ihre gesamten Ersparnisse sofort aufbrauchen. Gute Medizin ist teuer. Statt den Versicherungen greift im Falle eines Unglückes sozusagen die Familienversicherung – wenn jemand krank wird, gibt man ihm Geld. Dies führt wiederum dazu, dass auch demjenigen, der gespart hat und einen guten Plan verfolgt, einen Strich durch die Rechnung gemacht wird. Und damit verliert dieser natürlich allen Anreiz es weiterhin zu versuchen, da er das Geld, das er durch die Beschränkung seiner eigenen Ausgaben gespart hat, wieder verliert.

Eine Nacht auf dem See

Einmal hatten mein Projektpartner Joost Fischer und ich die Möglichkeit, die Fischer auf ihrem Boot für eine Nacht zu begleiten und machten so Joosts Vorfahren Ehre. Es fing schon am späten Nachmittag an, ungefähr um 5 saßen wir auf dem Boot und schipperten in Richtung Seemitte. Das Boot war relativ groß, ca. 10 Meter lang und 4 Meter breit: eine Menge Platz für 6 Personen. Zwei Deutsche und vier ortansässige Fischer, die halbwegs kommunizieren können und gemeinsam Kekse verspeisen. In einem Boot, welches nicht ganz dicht ist und aus dem man hin und wieder Wasser mit einem kleinen Eimer schöpfen muss. Eine Mission – so viel Fisch wie möglich aus den See ziehen! Der Spaß begann. Nach dem Sonnenuntergang wurden alle 7 Solarlampen auf den See gesetzt. Damit sie nicht wild durch den See schwimmen war an ihnen ein Stein festgemacht, der sozusagen als Anker dient. Dann wirft man die anderen Lampen nach dem gleichen Prinzip in gewissem Abstand aus und wartet ein Weilchen, damit die Fische sich in Ruhe an den Lampen sammeln können.

Dann geht der Spaß erst richtig los – hinfahren, die Lampe umkreisen und nebenbei das Netz in einem Kreis auswerfen. Das eine Ende des Netzes ist an einen leeren Plastikkanister befestigt, während das andere immer in den Händen der Fischer bleibt. Wenn man die Lampe umrundet und das Netz ganz ausgeworfen hat, nimmt man jenen Kanister wieder ins Boot. Damit hat man beide Ende des Netzes, welches jetzt im einen Kreis um die Lampe liegt. Nur ist es unten immer noch offen – und damit beginnt die richtige Arbeit. Zuerst muss man das untere Teil des Netzes ins Boot ziehen, damit die nach oben offene Halbkugel, die das Netz dann im Wasser bildet, geschlossen ist. Wenn das passiert ist, zieht man die Schlinge immer enger und wuchtet zu guter Letzt den Fang ins Boot, um ihn dort in ein kleines Netz, das im Boot gespannt ist, zu werfen. Es sind hunderte der ca. 5 cm langen Fischlein, 2 Mal an diesem Abend ist auch ein größerer mitgekommen. Dann zappeln die Fische noch eine Weile bis sie elendig ersticken. Und danach alles von vorne – neue Lampe neues Glück.

Das Netz einzuziehen ist echt anstrengend, ich glaube wären anstelle von uns zweien noch erfahrene Fischer dabei gewesen wäre das schneller gegangen. Der ca. 60-jährige Fischer hat uns echt alt aussehen lassen: er hat die ganze Nacht unermüdlich gearbeitet während ich nach einer Weile echt schlapp war, nicht mehr mit voller Kraft mitarbeiten konnte und leichtere Aufgaben übernahm. Aber es war sehr schön, dass wir auch mit einbezogen wurden, da wir so auch Einblicke in das schon harte Leben der Fischer bekamen. Somit konnten wir den Effekt der Solarlampen, die im Vergleich zu den Kerosinlampen einfacher und ungefährlicher zu nutzen sind, hautnah erleben. Insgesamt ein sehr tolles Erlebnis, welches ich nie in Deutschland hätte machen können.

Konklusion

Das Fischerlampenprojekt gefällt mir sehr gut, da man Einblicke in alle Ebenen von Planung bis zur Implementierung bekommt. Ich bin dabei, wenn die Verträge zum Kauf der Lampen geschrieben werden, nehme Teil an den Verhandlungen mit den Fischern und helfe mit ein Bezahlsystem zu erschaffen, welches fair und gut für beide Seiten ist. Ich verteile die Lampen an die Fischer und sammle jede Woche die Bezahlung ein und bringe sie zur Bank. Und habe ich sogar die Ehre die Lampen in Aktion zu sehen und ihre Leistung zu beurteilen. Alles in allem ein sehr abwechslungsreiches und förderndes Projekt, was mir auf jeden Fall Spaß macht und ich mir sicher bin, dass es einen guten Einfluss, wenn auch kleinen, in die Welt bringt.

  1. Author Julius Lotz

    Julius Lotz ist Freiwilliger am Victoria-See.

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