In Beton gegoßenes Erbe


Der neue Präsident Tansanias hat es zu erstaunlicher internationaler Bekanntschaft gebracht. Doch was hat er politisch erreicht? Eine Bestandsaufnahme.


Auf dem Weg zum Middle-Income-Country?
Auf dem Weg zum Middle-Income-Country?: Vorstand Moshis in der Kilimandscharo Region, Tanzania (Foto von Mark Sherman, Copyright unsplash.com)

John Pombe Magufuli hat für einen tansanischen Präsidenten erstaunliche Bekanntheit erlangt. Während es selbst Amtskollegen aus weitaus größeren Nachbarländern nur selten in die internationale Presse schaffen, hat Magufuli im Zuge der "What Magufuli would do"-Kampagne es schon im ersten Jahr seiner Regentschaft zur Tagesschau gebracht. Auch die jüngste Entlassungswelle von Beamten mit vermutlich gefälschten Zeugnissen wurde hierzulande aufgegriffen.

Grund dafür ist das nicht selten hemdsärmelige Auftreten des Mannes, der seinem Spitznamen "Der Bulldozer" alle Ehre macht. Mit mehreren Überraschungsbesuchen in Krankenhäusern und anderen staatlichen Einrichtungen hat er den zugegebenermaßen etwas behäbigen Beamtenapparat in bis dato unvorstellbare Betriebsamkeit versetzt und sich Respekt als jemand verschafft, der mit korrupten Praktiken der Vergangenheit aufräumen will. Die Liste mit geschassten Funktionären, die nach Ansicht des Präsidenten ihren Aufgaben nicht hinreichend nachkamen, umfasst mittlerweile mehrere Hafendirektoren, leitende Verwaltungsangestellte aus dem größten staatlichen Krankenhaus und tausende Scheinbeamte, die es nur auf dem Papier gab, den Staat aber jedes Jahr mehr als 100 Millionen US-Dollar gekostet haben.

Doch nicht nur deswegen gibt sich Magufuli als Mann der Tat. Der vehemente Blick gen Osten, die öffentliche Verbrüderung mit Paul Kagame, dem charismatisch-strengen Präsidenten Ruandas und eine Reihe ehrgeiziger Projekte in Wirtschaft und Politik - es scheint, als sollen die letzten Meter vor dem Sprung in die Gruppe der Staaten mit mittlerem Einkommen (middle income countries) im Sprint bewältigt werden. Magufulis unbestreitbares Faible für infrastrukturelle Großprojekte - jüngst legte er den Grundstein für das milliardenschwere "Standard Gauge Railway"-Projekt - hat ihm zudem den Ruf eingebracht, ein sichtbares, in Beton gegossenes Erbe hinterlassen zu wollen. Mit dem Bahnprojekt soll die Zentrallinie, die seit ihrer Errichtung in dunkler Kolonialzeit kaum modernisiert wurde, etappenweise ertüchtigt und für den Hochgeschwindigkeitsverkehr ausgebaut werden. Mit bis zu 160km/h sollen Fernzüge fortan zwischen Dar es Salaam mit Dodoma, Mwanza und Kigoma pendeln - und gleichsam als Einfallstor für Seegüter aus Fernost in die Region der Großen Seen (Ruanda, Uganda, Burundi, DR Kongo) dienen. Ein neuer Megahafen in Bagamoyo soll zeitnah folgen. "Tanzania beefs up its infrastructure" titelte die tansanische Presse halb ungläubig, halb ehrfürchtig. Im Hinblick auf ein erstaunlich ähnliches Eisenbahnprojekt in Kenia hat der Schachzug wohl auch eine geopolitische Dimension und soll Tansanias Position als Trade Hub zwischen Asien und dem südöstlichen Afrika strategisch festigen.

Was Magufuli mit ambitionierten Großprojekten versucht, haben seine Vorgänger mit Ideen und Reformen getan. Mwalimu Nyerere wird noch heute dafür verehrt, als Gründungsvater der damals noch jungen Nation eine gemeinsame Sprache und Identität etabliert zu haben. Der zweite Präsident der Republik, Ali Hassan Mywingi, hat das Land aus der sozialistischen Ein-Partei-Herrschaft in eine pluralistische Demokratie geführt, die noch heute ein Vorbild für die gesamte Region ist. Sein Nachfolger Benjamin Mkapa hat das Land auch wirtschaftlich geöffnet und sich letztlich erfolgreich für großen Schuldenerlasse der Staatengemeinschaft eingesetzt. Zuletzt hat Jakaya Kikwete Tansania in das digitale Zeitalter begleitet, eine Verfassungsreform angestoßen und sich gegen die Perspektivlosigkeit der Jugend gestellt hat -- auch wenn Kritiker ihm immer wieder vorwarfen, die meiste Zeit seiner Präsidentschaft auf sinnfreien Dienstreisen außer Landes verbracht zu haben.

Es sind also durchaus große Fußstapfen, die Magufuli nun mit Stein und Asphalt füllen will. An seiner Entschlossenheit, das Land aus seiner milden Apathie in eine Zeit des wirtschaftlichen Blüte zu führen, lässt er kaum Zweifel. In einem Staat, der durch Jahrzehnte der Korruption, Misswirtschaft und struktureller Benachteiligung auf den Weltmärkten seinen Bürgern kaum etwas bieten kann, könnten unkonventionelle Maßnahmen dringend benötigte Impulse des Aufbruchs setzen. Doch Magufulis mitunter autoritärer Führungsstil kommt dabei nicht überall gut an - Kritiker bemängeln den zunehmend rabiaten Umgang mit Presse- und Oppositionsvertretern. Eine Politik per Handstreich mag zudem zwar populär sein, kann jedoch kaum ein langfristiges Politikmodell sein. Umso interessanter ist daher der Schachzug des Präsidenten, seine Ideen in Beton zu gießen und analog zur chinesischen "Eisenbahn-Diplomatie" mit Straßen und Schienen die geopolitische Position seines Landes auf Jahrzehnte wortwörtlich zu zementieren. Die Richtung ist jedenfalls klar: Mit Behutsamkeit und "pole pole" wird in Tansania keine Politik mehr gemacht.


Dieser Artikel ist angelehnt an einen Artikel des Citizen: Tanzania: Magufuli Has Tied His Legacy to Infrastructures vom 16. April 2017.
  1. Author Lennard Nickel

    Lennard Nickel absolvierte 2010/2011 einen weltwärts-Freiwilligendienst in Dar es Salaam, Tansania.

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