Einmal Mango mit Chili und Salz, bitte!


Liebe geht durch den Magen. Aber passen Chili, Salz und Mango wirklich zusammen? Das Thema Essen hat mir sehr geholfen, mich in der mir fremden Umgebung einzuleben und immer mehr von den Menschen, ihrem Alltag und dem, was ihnen wichtig ist, zu erfahren,...


Babu ya Embe
Babu ya Embe: Mussa an seinem täglichen Arbeitsplatz. (Foto von Elisabeth Stahl, Elisabeth Stahl)

Das ist Mussa, doch unter diesem Namen kennen ihn die Wenigsten. Er ist überall bekannt als „Babu“ beziehungsweise „Babu ya embe“ was so viel wie „der alte Herr/ Opa mit der Mango“ bedeutet. Jeden Tag verkauft Mussa an dem gleichen Hauseingang vor einer Schule in Stone Town Kerri, was in Streifen geschnittene Mangos sind. Wer möchte verzehrt diese gleich auf der Hand in etwas Zeitung mit Salz und Pili Pili (Chili Pulver). - Hat schon so etwas von Pommes – nur viel gesünder.

Seine Hauptkunden sind Schüler und Kinder der Nachbarschaft sowie ein paar „große Kinder“, auch Passanten kommen ab und zu vorbei. Ich bin eines dieser „großen Kinder“. Aus dem täglichen Mangokauf hat sich in der Zwischenzeit eine richtige Freundschaft entwickelt. Jeden Tag werde ich von ihm freundlich begrüßt. Es entstehen kleine Gespräche, die meist von seiner Heimat Pemba handeln. Er hat immer die Ruhe und Gelassenheit mir den Satz oder die Worte 1000 Mal zu wiederholen und zu erklären bis ich sie verstehe. Und verstehe ich sie dann immer noch nicht, wird einfach gelacht und das Thema gewechselt. Englisch reden wir nie. Er schafft es jedes Mal mir ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Unser Plan ist, dass ich ihn einfach mit nach Deutschland nehme, damit er auch dort für alle auf der Straße Embe verkaufen kann.

Der „Babu mit der Embe“ - jedes Mal wenn ich an der Stelle vorbei laufe ist er da und ist er einmal nicht da, ist sein Freund, ebenfalls ein zanzibarischer Babu da und vertritt ihn. So wie Mussa gibt es gerade in der Nähe von Schulen viele kleine Stände oder Privatpersonen, die zu günstigen Preise Essen wie Chapati, Cachorri, Chipsi, Sambusa, Obst, Eis oder Süßigkeiten an die Schüler verkaufen.

Doch seit letzter Woche ist das plötzlich anders. Der sonst immer verlässliche Mussa ist nichtmehr da. Und auch die anderen Verkäufer sind nirgendwo zu finden. Was ist passiert? In der ganzen Stadt spürt man eine Veränderung. Die vielen Straßenstände, die normal an jeder Straßenecke Chipsi, Urodio oder sonstiges Essen verkaufen sind geschlossen. Nur noch vereinzelt findet sich der Ein oder Andere, der etwas an Touristen verkauft. Viele Türen die normal offen stehen sein plötzlich zu. Der Fastenmonat Ramadan hat begonnen.

Im Ramadan wird für 30 Tage von Sonnenauf- bis –untergang weder gegessen noch getrunken. Dafür wird beim abendlichen Fastenbrechen „Futari“ so richtig aufgetischt. Die Speisen des Ramadan unterscheiden sich von denen des restlichen Jahres. Reis und Mchuzi (Soße) wird von Mehlspeisen, Maniok und Kartoffeln abgelöst. In meiner Gastfamilie wird nun jeden Tag mindestens ein süßes und ein salziges Gericht gekocht. Sobald das Essen fertig gekocht ist, macht sich mein kleiner Gastbruder mit einer Tasche voll mit kleinen Schüsseln, die jeweils etwas von dem täglichen Essen beinhalten, auf den Weg und verteilt es an Nachbarn, Familie und Freunde in der Nähe. Zurück kommt der ebenfalls mit einer vollen Tasche mit kleinen Schüsseln. Diese beinhalten nun aber das Essen gekocht von den Anderen. Ich finde das Teilen ist eine sehr schöne Geste. Abends essen wir dann zusammen mit den Nachbarn draußen im Vorhof. Das Essen wird selbstverständlich geteilt, sodass wir im Endeffekt immer eine riesige Auswahl an verschieden Gerichten haben. Ich habe so innerhalb der kürzesten Zeit sehr viele mir neue Gerichte kennengelernt. Da wir nun später als normal kochen, habe ich auch die Chance nach der Arbeit mitzuhelfen. Ich liebe es zu kochen!

Zumindest in meiner Gastfamilie ist es normalerweise üblich, vormittags das Essen zu kochen, das dann sowohl mittags als auch abends gegessen wird. Somit standen meine Chancen, unter der Woche dabei mitzuhelfen sehr schlecht. Das Zubereiten der hiesigen Gerichte wie Pilau, Mseto, Biringani, Wali Maharage, Njugu Mawe, ect. war für mich auf die Wochenenden beschränkt. Gerade beim Kochen hat bei mir der erste große Kulturaustausch stattgefunden. Das gemeinsame Kochen mit meiner Gastmutter waren gleichzeitig auch meine Kiswahili Unterrichtsstunden. Zum Glück braucht man zum Karottenschälen und Zwiebelschneiden keine großen Kiswahili-Kenntnisse. Schneiden ohne Brett und auf dem Boden sitzend war am Anfang etwas ungewohnt für mich und es hat etwas länger gedauert, bis ich mich daran gewöhnt habe. Aber mit der Zeit bin ich ein richtiger Profi im Zwiebelschneiden geworden, sodass ich an manchen Tagen mit einem Haufen Zwiebeln vor meiner Zimmertür und einem „pole“ meiner Gastmutter empfangen wurde. Dann wurden kurzerhand vor der Arbeit noch schnell die Vitungu maji (Zwiebeln) geschnibbelt.

Während es bei mir mit meinem Alltagskiswahili lange sehr gehapert hat, konnte ich innerhalb kürzester Zeit jegliche Bedeutung von Lebensmitteln und ihre Zubereitung. Mit dem Wissen habe ich dann auf meinen Markbesuchen den ein oder anderen Verkäufer stark zum Staunen gebracht. Dass es nicht „avocado“ sondern „parachichi“ und nicht „spinach“ sondern „mtoriro“ war, hat dann auch schnell dafür gesorgt, dass von mir nicht der „mzungu Preis“ (überhöhter Preis für die Fremden) sondern der Normale verlangt wurde. Und wenn das noch nicht geholfen hat, habe ich zu handeln versucht. Dank Mwalimu Mussa haben wir bereits spielerisch seit unserer ersten Woche in Dar es Salaam Erfahrung damit gesammelt. Und so kommt es vor, dass beim Anwenden seiner Strategien das ein oder andere Mal ein „njoooooooo“ (komm zurück) von den hartnäckigen Händlern kommt und sie sich dann doch auf einen fairen Preis einlassen.

Auch meine Erfahrungen mit dem Kuchenbacken erinnern mich etwas an die Gewohnheiten im Ramadan. Meine Familie besitzt keinen Backofen, was mich zu Beginn meiner Zeit davon abgehalten hat zu backen. Nach einiger Zeit bin ich dann aktiv geworden und habe mich auf die Suche nach einem Backofen gemacht. Und TADA! ich bin in der Nachbarschaft fündig geworden. Damit war das unüberwindbar scheinende Problem des Ofens aus dem Weg geräumt. In meiner Zeit hier habe ich gelernt, was es bedeutet Butter und Zucker schaumig zu SCHLAGEN. Kuchenbacken ist hier ein richtig gutes Armworkout. Ohne Rührgerät, Schneebesen oder sonstigem Hilfsmittel, wird der Teig mit reiner Muskelkraft handgerührt/geschlagen. Nach 60 Minuten Teig schlagen fühlt man sich dann auch nichtmehr ganz so schlecht wenn man ein Stück Schokoladenkuchen verschlämmt. Wenn man zwei Bleche Kuchen backt bleibt ca. ¾ eines Bleches für die Familie übrig. Denn es wird geteilt. Als Dankeschön an die Familie mit dem Ofen, die Nachbarn, die Freunde, die Person die zufällig vorbeiläuft und fragt, was es ist, die Arbeit,... alle werden „karibut“. Die Kultur des Teilens finde ich sehr schön und finde man kann sich einiges davon abgucken.

Meine Gespräche mit dem Babu müssen bis nach Ramadan warten. Danach sind wir schon auf ein Stück Schokokuchen im Austausch gegen Kerri verabredet. Dass sich aus dem täglichen Kauf so eine Freundschaft und Sucht nach Mango mit Salz und Pili Pili entwickelt hat, hätte ich nach dem ersten Mal probieren nicht erwartet. Am Anfang hat es mir überhaupt nicht geschmeckt. Mit der Zeit habe ich mich aber daran gewöhnt und esse es inzwischen richtig gerne. Jede Kultur hat ihre eigenen Essensgewohnheiten. Wir essen Nudeln salzig, hier werden sie mit Zucker und Kardamom gekocht. Hier isst man Avocado mit Zucker oder im Saft. Bei dem Erwähnen, es doch mal mit Salz zu probieren, bekommt man oft nur angewiderte Blicke zurück. Das ist das Schöne am Essen und Kochen. Auf der ganzen Welt wird gegessen und gekocht. Die Zutaten mögen die gleichen sein, aber die Verarbeitung ist überall anders. Das kann immer ein schönes Gesprächsthema sein, um ganz einfach mit einer anderen Kultur in Kontakt zu treten.

Ich bin so froh, die Sansibarische Küche kennen lernen zu dürfen und werde auf jeden Fall einige Rezepte und Ideen mit zurück nach Deutschland nehmen.

Futari mit meiner Familie
Futari mit meiner Familie: Nach Sonnenuntergang genießen wir täglich zusammen mit unseren Nachbarn im Vorhof die über den Tag gezauberten Leckereien. (Foto von Elisabeth Stahl, Elisabeth Stahl)
  1. Author Elisabeth Stahl

    Elisabeth Stahl ist 19 Jahre alt und derzeit DTP Freiwillige auf Zanzibar.

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