Karibu - Vom Teilen und Miteinander


„Mtu ni watu“ ist ein tansanisches Sprichwort: „A person is people“, der Mensch braucht die Gesellschaft - Wie ich das Zusammenleben in Tansania wahrnehme.


Schweinefleisch, Chipsi und Kachumbari (scharfer Tomatensalat)
Schweinefleisch, Chipsi und Kachumbari (scharfer Tomatensalat): Jeder nimmt sich so viel wie er mag – ist der Hunger noch nicht gestillt, wird kostenlos nachgefüllt. (Foto von Marlena Reil, Copyright Marlena Reil)

Kein Essengehen vergeht ohne „Karibu chakula“, kein Small-Talk mit neuen Bekanntschaften ohne „Karibu nyumbani“ und nicht selten wird „Karibu“, häufig auch mehrmals, einfach an ein Gespräch angehängt.

Das Kiswahili-Deutsch-Wörterbuch übersetzt „Karibu“ mit „Willkommen“, wie bei so vielen anderen Ausdrücken auch, ist eine Übersetzung, die die genaue Bedeutung des Wortes trifft, aber gar nicht möglich. „Karibu“ wird als Einladung zu allem Erdenklichen verwendet: Zum Essen, ins Haus, als Einladung bei etwas mitzumachen, sich im Land willkommen zu fühlen… und beschreibt in einem Wort sehr gut, wie ich die tansanische Gesellschaft erlebe – offen, kontaktfreudig und einladend.

Anfangs besonders ungewöhnlich, teils auch befremdlich und dreist erscheinend, war für mich der Umgang mit dem Teilen: Wenn jemand gerade mal nichts dabeihat, wird ganz offen nach Geld gefragt – meine Kopfhörer machen im Office immer mal wieder die Runde – beim Mittagessen wird mir angewiesen, ich solle am nächsten Tag doch Mangos und Bananen mitbringen – meine Gastschwester isst ganz selbstverständlich meine Kekse aus Deutschland mit und immer, wenn ich zwei Flaschen Wasser kaufe, kann ich davon ausgehen, dass die eine ein paar Minuten später jemand anderem gehört.

Doch genauso oft bekomme ich Bananen oder Süßigkeiten geschenkt, werde mittags zum Mitessen eingeladen oder bekomme etwas bezahlt. Auf der Straße bietet mir jemand Fremdes an, mit ihm seinen Reis mit Bohnen zu teilen, mein Fahrrad wird, wann immer es mal wieder einen Platten hat, kostenlos auf meinem Arbeitsweg repariert. Hat der Duka (kleiner Laden) gerade mal kein Wechselgeld, bekomme ich es eben beim nächsten Mal – habe ich selbst nicht genug mit, ist es kein Problem, beim folgenden Kauf dann etwas mehr zu bezahlen. Die beiden Motorräder von meinen Mitarbeitern werden genauso von dem mitbenutzt, der grade eins braucht, wie mein Fahrrad. Hat jemand ein Auto, nimmt er Bekannte, die er zufällig auf dem Weg trifft, ein Stückchen mit.

Dafür wird dann nicht einmal ein „danke“ oder eine Gegenleistung aus Höflichkeit erwartet, es scheint einfach selbstverständlich, seinen Mitmenschen von seinem Eigentum etwas abzugeben. Mit der Zeit merke ich, wieviel schöner es doch eigentlich ist, miteinander zu teilen, anstatt strikt seinen Besitz zu bewahren und schäme mich, wenn ich mich selbst beim „geizig-Denken“ erwische. Ob ich nun einen Keks mehr oder weniger habe, macht im Endeffekt höchstens für mein Ego einen Unterschied.

Ein Ort, der den lockeren und unkomplizierten Umgang der Menschen meiner Meinung nach besonders deutlich macht, ist Mji Mwema, ein Nachbardorf von Njombe. Jeden Mittwoch und Samstag kann man sich hier zum „Nyama Choma“, gegrilltem Fleisch, treffen: In einem kleinen Rondell kommen verschiedenste Leute zusammen, um zu essen und sich zu unterhalten. Auf einem Grill wird Rindfleisch zubereitet, das, wenn es fertig ist, direkt vom Rost gegessen wird. Jeder nimmt sich bis er zufrieden ist und bezahlt dafür wie viel er grade kann: Mal etwas mehr, mal etwas weniger – wenn jemand mal nichts in der Tasche hat, ist das auch kein Problem.

Auch bei den Fußballspielen, die ich bis jetzt gesehen habe, herrscht eine besondere Stimmung: Die Fans beider Mannschaften tanzen, singen und feiern zusammen. „Und, für welches Team bist du?“, fragt mich ein anderer Zuschauer. „Njombe Mji natürlich“, „Cool!“ ist die Antwort, obwohl er selbst ein lautstarker Anhänger der Gegnermannschaft ist. Auf der Straße begegne ich wenigen Menschen mit mürrischer Miene, eine nette Begrüßung, ein kurzes Gespräch ist immer drin. Selbst meine anfänglichen Von-Rechts-zu-Linksverkehr-Verwirrungen haben bei entgegenkommenden Motorradfahrern in brenzligen Situationen für Lachen anstatt für böse Blicke oder Flüche gesorgt.

Die positive Einstellung, die mir hier überall begegnet, beeindruckt mich immer wieder. Auch wenn der dringend benötigte Monatslohn um Wochen zu spät kommt, meine Arbeitskollegen schaffen es trotzdem ein Lächeln auf dem Gesicht zu haben, versuchen das Beste daraus zu machen und sich nicht, wie es in Deutschland aus meiner Sicht viel zu häufig geschieht, zu beschweren. So wirken die Probleme, die im Gesamten gesehen eigentlich viel größer sind, allein durch die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, viel kleiner als ein Stau, schlechtes Wetter oder eine zu spät kommende Bahn.

Die Menschen, ihre Werte, das Miteinander und der freundliche Umgang untereinander sind die Hauptgründe, warum ich mich hier so wohlfühle. Mit Sicherheit kann ich mir von der Einstellung der Menschen hier viel abgucken und hoffe, dass ich einiges davon auch nach dem Jahr in mein weiteres Leben mitnehmen kann.

  1. Author Marlena Reil

    Marlena Reil lebt derzeit in Njombe, Tansania und ist Freiwillige bei Sustainable Economic and Environmental Conservation Organization (SECO).

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