Mungu, Habari za Leo? (Gott, was gibt es Neues vom Tag?)


„Warum um alles in der Welt bist du nicht gläubig?!“ - über den Umgang mit meiner "Ungläubigkeit" im tief christlichen Njombe (im Süden Tansanias).


Wandbild im Wohnzimmer der Familie Mlowe
Wandbild im Wohnzimmer der Familie Mlowe: Neben Mamas geliebten Häkel -Gardinen, zierte dieses Bild die linke Wand im Wohnzimmer. (Foto von Marina Yang, Marina Yang stellt dieses Bild zur freien Verfügung.)

Mungu ni Mungu tu“ (ungefähr : Gott ist nicht mehr als Gott selbst) dröhnt es laut aus den Lautsprecherboxen am Straßenrand. Und das ist noch lange nicht das einzige Lied, in dem „Mungu“ (Gott) im Hauptfokus steht. Mit den hippen Bongo-Flava-Songs zusammen werden Lieder, in denen z.B. in die Liebe zu Gott laut im Refrain offenbart wird (oft auch mit starkem Bass unterlegt und schnellen Rhythmen begleitet) von allen Altersklassen gehört, ob es nun aus dem Radio, laut aus den Boxen in Läden zur Straße hin, dem MP3-Player oder dem Fernseher herausschallt.
Auch im Alltagsgespräch stößt man öfters am Tag auf Gott. „Mungu akipenda“ (So Gott will), so wird diese Floskel so manches Mal einfach hinten an den Satz rangehängt, wenn es z.B. darum geht mir mitzuteilen wann er/sie wieder zurück von einer Reise kommt. („Am Donnerstag, Mungu akipenda“) Aus Gesprächen höre ich heraus, dass viele glauben, dass ihr Schicksal letztendlich in den Händen Gottes liegt. Bildschirmschoner von denen Jesus mit einem Heiligenschein auf einen herunterlächelt, bunte Wickelstoffe (Kangas) auf denen biblische Weisheiten eingenäht sind, Busse und LKW's mit der Aufschrift „Dieses Fahrzeug ist mit Jesus Blut gesegnet“, Kirchenchöre, die schon vier Straßen weiter zu hören sind (die Pfingstkirchler singen und predigen am lautesten), unser Plakat im Wohnzimmer „No Jesus no Life“, das ich jeden Morgen beim Frühstück betrachte, während mir der warme Chai (Tee) den Rachen herunterläuft, die beiden vollkommen identischen Acryl-Gemälde mit Jesus Kreuzigung in meinem Zimmer, die wöchentlichen Kirchenbesuche von Baba und Mama – Ja. Das alles weist deutlich darauf hin, wie sehr die Gesellschaft hier mit dem christlichen Glauben verwickelt ist und was für eine große Rolle das Christentum hier in Njombe im Alltag der Menschen spielt.

Religion aus dem Weg zu gehen ist hier nicht wirklich möglich, aber auch nicht empfehlenswert, denn sich mit Menschen geduldig darüber auszutauschen, die Gottesdienste mitzuerleben und gesagt zu bekommen, dass Gott für viele die treibende Kraft ist und ihnen stetig die Motivation gibt Gutes zu tun und weiterzuleben, auch wenn es mal schwierig ist, ist eine wertvolle Erfahrung finde ich (auch wenn ich mit Kirche schon in Deutschland nicht wirklich viel am Hut hatte – bin weder getauft, noch konfirmiert).

Umgang mit meiner „Ungläubigkeit“

Nun kann schon die fünfte Frage in einem ersten Small-Talk-Gespräch mit jemandem in meinem Alter, die Frage nach meiner Religionszugehörigkeit sein. Also wenn ich es sehr eilig habe oder einfach zu müde bin, um langwierige Erklärungen und Diskussionen zu führen dann nuschel ich irgendwas mit „Lutheran“. Aber das sind Ausnahmefälle, zumeist atme ich tief durch und mache mich auf ein langatmiges Gespräch gefasst. Am Anfang habe ich das immer kleinlaut gesagt, dass ich keiner Religion zugehöre, weil ich irgendwie Angst hatte, ich würde als ein schlechter Mensch abgestempelt, wenn ich das hier laut zugebe. Aber mittlerweile habe ich das Vokabular drauf, um schneller die Erklärung parat zu haben. Kaum ausgesprochen, dass ich nicht gläubig bin, folgt in extremen Fällen ein kurzes spitzes „ Aaah“ und erschrocken die Hand vor den Mund gehalten, normalerweise legt sich die Stirn der Menschen in Falten, manche kommen mit dem Gesicht näher und fragen erstaunt „Huch, aber warum denn nicht?“

Ich kann mir schon gut vorstellen, dass es vielen wie ein Widerspruch erscheint – die Christianisierung in der Kolonialzeit wurde von Weißen angetrieben, man trifft auch heute noch auf weiße Mitarbeiter in Missionswerken in Tansania – und auf der anderen Seite hören die Menschen vermehrt von weißen jungen Freiwilligen, die eben nicht gläubig sind. Oft werde ich verwundert gefragt, ob es in Deutschland denn keine Kirche gebe. „Doch, doch“ widerspreche ich, und schildere, dass vor allem die Zahl der Jugendlichen, die sich aktiv in der Kirchengemeinde betätigen abnehme oder dass der Wunsch zur Konfirmation nicht mehr wirklich oft aus aufrichtigen Glaubensgründen heraus entsteht. Konfirmationsunterricht und Konfirmationsfeier mit allem Schnick Schnack (die, die es sich leisten können) gibt es hier auch! Ich war letztens auf einer eingeladen, wobei ich etwas gebraucht habe, um zu verstehen, dass es sich um eine Konfirmation handelt. Mir wurde die ganze Zeit nur das englische Wort für Heiligsprechung genannt, um mir „Kipaimara“ (Konfirmation) zu erklären.

Um die Frage „Warum um alles in der Welt bist du nicht gläubig?“ komme ich nicht herum. Wenn Baba mich Gästen oder Freunden vorstellt, kommt oft witzelnd im Nebensatz, dass die Marina aus Deutschland, die bei Familie Mlowe wohnt, sagt, es gebe keinen Gott. Klingt dann meist so, als wär ich ein kleines Kind, das die Welt noch nicht versteht. Bevor diese Besucher dann allzu erstaunt die Augen aufreißen, funke ich dann, mich rechtfertigend, dazwischen und sage Baba, überspitzt beleidigt spielend, dass er da eine falsche Info weitergegeben hat. Ich sage nicht, dass es keinen Gott oder keine übernatürliche Kraft gibt, sondern dass ich nicht weiß, ob es eine/n gibt oder nicht. Da lachen dann meistens alle. Naja, dass ich dann nicht aufrichtig zu Gottes Existenz stehe, hätte ich damit dann trotzdem zugegeben. Mit der einen Aussage geben sich die meisten Menschen dann zufrieden: Dass ich bisher noch nicht viel über das Leben weiß, mehr Menschen mit unterschiedlichen Lebensphilosophien kennenlernen möchte, mich inspirieren lassen möchte, mehr Lebenserfahrung sammeln möchte, um dann entscheiden zu können, ob ich sowas wie einen tieferen Glauben in Übernatürliches oder gar eine Religionszugehörigkeit für mich selbst brauche. Dass ich aber offen dafür bin in alle möglichen Glaubensrichtungen hineinzuschnuppern.

Wenn ich mich mit den verschiedensten Menschen hier über Gott und die Welt (im wahrsten Sinne des Wortes) unterhalte, dann entstehen oft witzige Situationen oder man versinkt in interessante Gedankenverwicklungen:

Die Einen sagen erschrocken, dass sie in Zukunft für mich beten, da ich mich da ja nicht selbst drum kümmere, nicht das mir was passiert. Da bedanke ich mich dann immer herzlich für.

Auf der allerersten Fahrt im August nach Igingilanyi verbrachten Johanna und ich mit Mr. Mdetele im Auto eine sehr lange Zeit mit dem Thema. Irgendwann kam er auf die geniale Idee einen Debattierclub mit uns zu gründen, um „the existence of God“ zu „prooven“. Scherzend wettete ich um ein Bier, dass ich ihm ausgeben würde, wenn er mir einen Gottesbeweis vorhalten kann. Eine halbe Stunde später tickte Mr. Mdetele mich an. „Du Marina, kannst du dir sicher sein, dass wir heute in Igingilanyi ankommen ?“ Ich konterte, dass die Verantwortung gerade in den Händen des Autofahrers liege und das menschliches Versagen nun mal zum Tode führen könne und ich mir deswegen nicht sicher sein könne, ob wir unser Ziel Igingilanyi an dem besagten Tag erreichen würden. Da blitzten seine Augen auf: „Ich glaube du schuldest mir ein Bier“, lächelte er mir ins Gesicht. Dafür wollte ich aber eine genauere Erklärung haben. „Wenn du dir nicht sicher sein kannst, ob den heutigen Tag überlebst, dann gibst du zu, dass du nicht die vollständige Macht über Geschehnisse hast. Wenn der Mensch nicht die Macht/Kontrolle über alle Geschehnisse hat, dann muss es wohl eine Kraft geben, die dahinter steht. Und das ist Gott.“ So einfach gab ich mich nicht geschlagen und wir redeten über Zufall, Schicksal, Vorherbestimmung, Physik, Urknall, „Who is the creator of God?“ (Wer hat Gott erschaffen? - den Punkt fand Mr. Mdetele besonders interessant), über Gottes Liebe, Kindersterblichkeit, Schuld, Sünde, Ablassbriefe, Verwendung der Kirchengelder, Sinn der Institution Kirche, Entwicklung des Christentums in Tansania, die Rolle der Kolonialzeit, Meditation... bis wir an einer Raststätte Halt machten und dann jeder für sich damit beschäftigt war an seinem gerösteten Maiskolben zu knabbern.

Ein anderes Mal überraschte mich nachmittags ein älterer Kunde in Mamas Duka, als ich ihr gerade half Kartoffeln zu schälen und Rindfleisch mit Ingwer und Zitronensaft zu vermengen, mit der Aussage: „Ich kann deinen Punkt verstehen, dass du erst mal die Augen offen halten möchtest um dich von anderen Lebensphilosophien inspirieren zu lassen oder deinen eigenen Weg finden möchtest. Was hälst du eigentlich von den Theorien Platons, Aristoteles, Sokrates?“ Ich blinzelte ihn verwundert an, weil er mich das so direkt heraus fragte... und mir abgesehen von den Grundzügen der Ideenlehre Platons auch nicht mehr viel von den Theorien im Gedächtnis geblieben war. Der Herr erzählte mir stolz von seinem Philosophie-Studium und präsentierte mir ein paar Brocken Deutsch. Er wünschte sich, dass wir mit ein paar seiner Freunde ein andern Mal im Duka von Mama auf einen Tee über den Sinn des Lebens reden. Nun gut, warum nicht.

Aber am meisten rede ich mit Baba darüber. Zwischendurch, wenn ich mir morgens die Zähne im Innenhof putze oder gerade mit einem Stück Seife meine Schuhe putze, schießen Fragen hervor wie „Woher kommt das Leben?“ „Warum leben wir Tag für Tag?“ „Was treibt uns an?“. Noch mit Zahnpastaschaum im Mund versuche ich Antwort zu geben oder darauf hinzudeuten, dass ich nochmal meine Gedanken sammeln muss und ja eigentlich schon zu spät bin, um zur Arbeit zu kommen. Manchmal schweifen wir dann ab und fragen uns was die kleinste antreibende Kraft in den kleinsten Teilchen unseres Körpers ist, die die kleinsten Teilchen dazu bringen so zusammenzuarbeiten, dass unser Körper so funktioniert. Oder was für unglaubliches Wachstums- und Lebenspotenzial in einem Embryo steckt. Oder welche Antriebskraft letztendlich den Avocadokern in einen Avocadobaum verwandelt. Aber bei sowas gibt’s schon große Sprachbarrieren und Missverständnisse.

Am meisten in Erinnerung geblieben, ist mir der Tag mit dem Gespräch über den Fall, dass ich Gott irgendwann mal begegne. „Ja Marina, wenn er dann vor dir steht und du merkst, dass du dein ganzes Leben an seiner Existenz gezweifelt hast und Gott weiß, dass du dies getan hast, was sagst du ihm dann in dem Moment ?“ Ich zuckte mit den Schultern und konnte mir nicht verkneifen zu sagen „Dann frag ich: Habari za leo?“ („Was gibt’s Neues vom Tag?“ – Eine der meistgenutztesten Begrüßungsfloskeln auf den Straßen hier). Noch in der Sekunde, als ich es ausgesprochen hatte, hätte ich mir am liebsten auf die Zunge gebissen, weil es mir irgendwie sehr frech vorkam. Aber Baba brach in schallendes Gelächter aus, lachte Tränen während er meine Aussage immer wieder wiederholte und den Kopf dazu schüttelte und fing an es den Nachbarn zu erzählen. Also letztendlich wird meine Einstellung zwar sehr verwundert aufgenommen und viele können es nicht nachvollziehen, aber mit Humor wird es trotzdem genommen.

  1. Author Marina Yang

    Marina lebte 2016/17 in Njombe, im Süden Tansanias und war Freiwillige bei Seco (Sustainable Economic and Environmental Conservation Organisation).

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