Schülerausflug nach Bagamoyo


Wenn sich Lehrer verziehen und Schüler aufblühen


Schüler in Bagamoyo
Schüler in Bagamoyo: (Foto von Dorea Wink, Copyright Dorea Wink)

Es war Montag früh, ein Feiertag im August. Fünfzig Schüler und Schülerinnen erwarteten auf dem leeren Schulhof der Kibamba Secondary School im Licht des Sonnenaufgangsden Bus, der sie nach Bagamoyo bringen sollte. Einen Monat lang hatten sie auf diesen Tag hingefiebert.

Für mich als ausführende Lehrerin war dieser Ausflug einer der Höhepunkte meiner Zeit als Freiwillige und so wartete auch ich – Dank meiner deutschen Pünktlichkeit um Punkt halb Sieben - gespannt auf den Bus und die fehlenden Lehrer. Der Tagesausflug in diese geschichtsträchtige Stadt 75 km nördlich von Dar es Salaam war Teil eines Projektes, das ich zusammen mit dem stellvertretenden Schulleiter Sir Amani ins Leben gerufen hatte.

Schon im Vorbereitungsseminar wurden wir Freiwilligen ermutigt an unserer Einsatzstelle ein eigenes Projekt zu realisieren. Um der Idee des Austauschs gerecht zu werden,sollte die (Kosten-) Beteiligung für die Durchführung zwischen der Schule und der DTP geteilt werden. Natürlich brauchte es für den Austauschgedanken auch einen engagierten Lehrer an der Schule, der mit mir unbezahlt das Projekt umsetzen würde. Die SchülerInnen hatten Glück. Teacher Amani erkannte die Chance für seine Schüler und schlug einen Ausflug nach Bagamoyo vor.

Mir gefiel an der Idee, dass ich damit eine bereits etablierte Exkursion aufrechterhalten und ausbauen konnte und nicht von außen mit etwas grundsätzlich Neuem kam. Der „Trip to Bagamoyo“ wurde bisher einmal im Jahr für Schüler angeboten, die genug Eigenbeteiligung aufbringen konnten um sich den Ausflug leisten zu können. Nicht gerade fair, aber besser als nichts. Warum also nicht bei dieser Regel bleiben? Der Grund dafür liegt in der neuen Regierung unter John P. Magufuli. Um Bildung unabhängig vom Einkommen allen zugänglich zu machen ist es den SuS seit diesem Schuljahr untersagt für schulische Aktivitäten zu bezahlen. Eine im Grundsatz hervorragende Idee. In der Realität entstand dadurch allerdings eine finanzielle Lücke, die von der Regierung bisher nicht gefüllt wurde. Exkurs: Eine Auswirkung dieser Regelung bekomme ich besonders drastisch in meinem eigenen Fach zu spüren. Nebenmir gibt es zur Zeit ZWEI Mathelehrer für über 1000 SuS. Ein Kollege erzählte mir, dass es in den vergangenen Jahren vorkam, dass Schüler für einen Lehrer Geld sammelten um so den Lehrermangel an der Schule auszugleichen. Heute fehlen diese Lehrer, die Regierung hat kein Geld um sie zu bezahlen.

Das Projekt gab mir die Möglichkeit diesen Missstand wenigstens im Kleinen zu beheben. Um zu verhindern, dass ich eine reine Spaßaktion unterstützen würde, musste ein didaktisches Konzept her. Sofort nahm eine konkrete Idee vor meinem inneren Auge Gestalt an.Seit Beginn meiner Zeit als Mathelehrerin an der Kibamba Secondary School war es mir ein Anliegen, die Schüler zum freien Reden zu motivieren. Von dem hier üblichen gemeinsamen Nachsprechen von Lehreraussagen halte ich nicht viel, und so war von Anfang an eines meiner Dauerprojekte die Förderung der individuellen Beteiligung am Unterricht. Als mir dann noch bewusst wurde, dass die meisten SuS noch nie eine Präsentation vor der Klasse gehalten hatten, war die Idee für mein Projekt gereift.

Mit denzugehörigen Hürden und Erfolgserlebnissen kam schließlichalles ins Rollen. Der erste Erfolg: Die Nachfrage seitens der SuS war sehr groß und so waren wir gezwungen, die Teilnehmerzahl für den gesponserten Ausflug durch Auslosenauf fünfzig SuS zu beschränken. Einzige Bedingung für die Teilnahme war die Vorbereitung und Durchführung einer Gruppen-Präsentation zu einem historischen Thema, das in Zusammenhang mit Bagamoyo stehen musste. In einer wöchentlichen Club-Stunde gab ich den SuS mit Unterstützung von Sir Amani einen Crashkurs im Präsentieren und schnell wurde mir bewusst, dass es definitiv Fächer gibt in denen man seine SuS besser kennenlernt als im Mathematikunterricht...

Meine Erwartungen an die Präsentationen waren nicht gerade hoch und ich wusste, dass ich meinen Maßstab den Rahmenbedingungen anpassen musste, doch genau in diesem Rahmen sollten mich viele SuS überraschen. Endlich wurde der gewöhnlich nur für LehrerInnen zugängliche Computerraum auch mal für etwas anderes als fürFacebook genutzt:jetzt wurde dort recherchiert, Bilder auf Plakate gemalt und fleißig Texte auswendig gelernt.

Doch auch an Hürden mangelte es während der Vorbereitungszeit nicht. Besonders der Gegensatz zwischen meiner gewohnt deutschen unddertansanisch üblichen Organisationsweise stand der Durchführung des Projektes oftmals im Weg. Ich selbst plane gern gründlich im Voraus bevor ich starte, während Tansanier die Spontanität lieben: kurzfristige Meetings, spontane Präventivseminare gegen HIV oder kurzfristige Absagen von Lehrern, all das stand meinen Clubstunden fast wöchentlich im Weg. Aber wenn mich die beteiligten Lehrer in ihrer spontanen Organisationsweiseauch manchen Nerv gekostet haben,somuss man ihnen dochzu Gute halten, dass es am Ende immer irgendwie funktioniert hat,und ich es ohne ihre Hilfe auch nicht hätteumsetzen können.

An besagtem Feiertag waren auf dem Schulhof mittlerweile zwei Stunden vergangen, drei von vier Lehrern hatten abgesagt und der bestellte Bus ließ auch noch auf sich warten. Die meisten Absagen hatte ich aufgrund der fehlenden Bezahlung bereits erwartet und trotzdem konnte ich meine Wut über dieser Unzuverlässigkeit nur schwer unterdrücken. In diesem Moment bog der rettende Bus mit Sir Amani um die Ecke. Natürlich war dieser eigentlichnicht groß genug für alle Schüler, aber alle Beteiligten waren es ja von den örtlichen Daladalas gewohnt, sich einen Platz zu teilen oder stehen zu müssen. Trotzdem (oder gerade deshalb) waren die SchülerInnen weiterhin bei bester Laune und verwandelten kurzer Hand den viel zu kleinen Bus in einen Partybus. Auch sonst eher stille Schüler packten plötzlich ihre Schildmützen, Sonnenbrillen und Musikplayer aus und langsam kam zum Vorschein, was sonst die Schuluniform versteckt. Die Musik wurde aufgedreht, es wurde lauthals mitgesungen und die stehenden Schüler stellten ihren Hüftschwung zur Schau. Nach zwei Stunden erreichten wir schließlich Bagamoyo, eine der ältesten Städte Tansanias. Nachder Besichtigung der alten Moschee in den sogenannten Kaole-Ruinen folgten wir in einem straffen Programm den Zeugnissen der christlichen Missionierung und hörten einige Schüler-Präsentationen über den Sklavenhandel und große europäische Entdecker wie Livingstone sowie über den deutschen und britischen Kolonialismus. Für die Schüler, die selten zum Meer kommen, war es eine Riesenfreude, als sie nach diesem Besichtigungs-Marathon die Erlaubnis bekamen, an den Strand zu gehen. Aus deutscher Sicht unvorstellbar stürzten sich um die 40 Nichtschwimmer in die Wellen. Doch es war nicht nur mein Pflichtbewusstsein, das mich ihnen folgen ließ. Ich gab mein Bestes ihnen einen Schwimm-Crashkurs zu geben und hatte selbstgroßen Spaß dabei. Als ich vollkommen erschöpft bei der Heimfahrt in die noch immer munteren Gesichter meiner Schüler schaute,wusste ich: Der Aufwand für dieses Projekt hatte sich gelohnt!

  1. Author Dorea Wink

    Dorea ist mit dem Lehramtsprogramm der Deutsch-Tansanischen Partnerschaft e.V. 2015/16 nach Sansibar gegangen.

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