… „und ich dachte, das wären Ananas“


Impressionen einer Reportage-Reise ins nordtansanische Sisal-Anbaugebiet.


Sisal Plantage im Norden von Tansania
Sisal Plantage im Norden von Tansania: (Foto von Jörg Böthling, Copyright 2016 Jörg Böthling http://www.visualindia.de/)

Wir kamen mit dem Taxi von Mombasa an die kenianisch-tansanische Grenze hinter Lunga-Lunga. Kein Schild, ein paar Gebäude. „Wo geht`s hier zum Visa-Office?“, fragt unser indischer Taxifahrer. „Da müsst hier hin“, sagt ein Vorbeigehender. Wir folgen seinem Hinweis und landen vor der Tür einer Toilette. Offenbar ein falscher Tipp, der Taxifahrer braust auf, schimpft, dreht sich verärgert um und wir stolpern dann in eines der Häuser, wo unsere Pässe nach dem Scannen der Fingers von kenianischen Beamten abgestempelt werden. Dann geht es zur tansanischen Grenzkontrolle. „Haben Sie eine Gelbfieber-Impfung?“ fragt der Grenzer. Wir legen unsere Impfausweise vor. „Tja, die Impfung ist bei Ihnen im letzten Jahr abgelaufen, dann müssen sie hier wohl eine Auffrischung bekommen. Kostet 50 Dollar, gehen Sie in den Raum rechts“, sagt er. „Nein, nein, ist nicht nötig“, antworte ich und krame ein Dokument hervor, die mir ein Arzt in Hamburg in weiser Voraussicht ausgestellt hatte. Auf dem steht in Englisch, dass ich aus medizinischen Gründen keine Auffrischung bekommen dürfte. Der Grenzer akzeptiert (notgedrungen) und so bleibt mir eine zusätzliche Gelbfieberimpfung erspart. Die ohnehin eine Schikane wäre, denn Tansania hat offiziell ein Abkommen mit der World Health Organization (WHO) unterzeichnet, dass eine einmalige Gelbfieberimpfung einen lebenslangen Schutz bietet und es einer früher üblichen Auffrischung nach zehn Jahren nicht mehr bedürfe. Aber man kann es ja mal probieren - wer sich auch immer die 50 Dollar am Ende einsteckt.
Wer von Kenia nach Tansania einreist, der verspürt sofort einen atmosphärischen Unterschied zwischen den beiden Nachbarländern. Die Landschaft ist anders, die Leute auf den Straßen verhalten sich anders und es, das fällt einem sofort auf, liegt viel weniger Plastik und sonstiger Müll umher. In der Hafenstadt Tanga angekommen wird dieser Eindruck noch verstärkt. In der gelassen, ja fast verschlafen Stadt am indischen Ozean ist es im Verhältnis zu Kenia erstaunlich sauber, auf Straßen, Gehwegen und Parks. Ob das die ersten sichtbaren Ergebnisse von sogenannten nationalen Saubertagen, die der neue, im Oktober 2015 gewählte Präsident John Magufuli von der Chama Cha Mapinduzi (CCM) anberaumt hat? Keine Ahnung, aber immer wenn die Sprache auf den neuen Präsidenten kommt, ob im Hotel, im Taxi oder im Restaurant, sind die Reaktionen der meisten Tansanier überwiegend positiv. Wie auch immer, als bekennender Freund nachwachsender Rohstoffe und zugleich großen Kritiker von Kunststoffen jeglicher Art aus Erdöl empfinde ich die Abwesenheit von derlei Müll als sehr angenehm. Apropos nachwachsende Rohstoffe, das ist der eigentliche Grund, weshalb ich mit dem Fotografen Jörg Böthling in den Norden Tansanias gekommen bin. „Mkonge ni Tanga na Tanga ni Mkonge“ - was aus dem Kisuaheli übersetzt so viel heißt wie „Sisal ist Tanga und Tanga ist Sisal“ - steht auf einem Schild vor einem Gebäude, das in der englischen Kolonialzeit, zu Beginn der fünfziger Jahre errichtet wurde. Heute ist dort das Tanzania Sisal Board untergebracht. Der Satz hat seine Gründe, denn ist doch die Hafenstadt mit dem Anbau der Sisal-Agave groß geworden. Während der deutschen Kolonialzeit brachte ein gewisser Dr. Richard Hindorf, seines Zeichens Tropenpflanzer, die ersten Sisalpflanzen aus Mexiko (Yucatan) über Florida und Hamburg nach Ostafrika. So begann der Sisalanbau mit ganzen fünf Dutzend Setzlingen, die zwischen Tanga und den Usambara-Bergen prächtig gediehen. In der Folgezeit entstanden große Plantagen für die der Urwald gerodet wurde. Bis zum Kriegsbeginn im Jahre 1914 wuchs die Sisalproduktion in Deutsch-Ostafrika auf 13.000 Tonnen an, verwendet wurden sie in Europa zu Tauen, Seilen, Trossen für die Schifffahrt und für Halfter und Bindegarne in der Landwirtschaft. Die Faser der Sisal-Agave wurde mit der Eisenbahn nach Tanga gebracht und vom dortigen Hafen nach Übersee verschifft. Denkmäler, einzige Pflanzer-Villen und Amtsgebäude zeugen von den Aktivitäten der deutschen in jener Zeit. Nach dem I. Weltkrieg übernahmen die Engländer das Regiment und bauten in den darauffolgenden Jahrzehnten das lukrative Sisal-Geschäft weiter aus. Bis zur Unabhängigkeit Tansanias wurden im Norden Kenias, im weiten Umkreis von Tanga weitere große Plantagen der dornigen, faserspendenden Agave gepflanzt. Fünf Jahre nach der tansanischen Unabhängigkeit, im Jahr 1964, erreichte die Sisal-Produktion dann ihren Höhepunkt: Die tansanischen Landarbeiter ernteten in jenem Jahr mehr als 240.000 Tonnen. Die Faser, die man als „blondes Gold aus Afrika“ rühmte, wurde zum Exportgut Nummer 1 des noch jungen afrikanischen Staates. Im Zuge der Politik des vom ersten Präsidenten Julius Nyerere favorisierten antiautoritären Sozialismus afrikanischer Prägung, von vielen auch als „Ujamaa-Sozialismus“ bezeichnet, enteignete der tansanische Staat Ende der sechziger Jahre die zumeist ausländischen Plantagen-Besitzer. Allerdings brachte dies nicht die gewünschte soziale und wirtschaftliche Verbesserung der Lebensverhältnisse für die Menschen, die auf den Plantagen arbeiteten. Ganz im Gegenteil, letztlich läutete die Verstaatlichung der Großbetriebe einen langanhaltenden Niedergang der einst florierenden Plantagenwirtschaft ein. Überall fehlte es an Know-how, Kapital und Motivation, zudem fehlte es an Betriebsmitteln. Die Produktivität nahm rapide ab. Was folgte? Die Staatsbetriebe vernachlässigten ihre Plantagen mehr und mehr und am Ende wurden viele verlassen, stillgelegt. Parallel zu den innertansanischen Problemen setzte in den siebziger Jahre der Siegeszug der synthetischen Fasern ein, der Absatz nach der Hartfaser aus Sisal brach weltweit ein. Europäische Landwirte setzten nicht mehr Sisal zum Binden von Stroh und Heu ein, sondern griffen zu den billigeren Synthesefasern auf der Basis von Erdöl. Auch die internationale Schifffahrt wendete sich ab von Sisal-Tauen. Die Absatz- und Preisflaute gab der ohnehin schon strauchelnden tansanischen Sisalbranche den Rest. Ende der achtziger war die Produktionsmenge um 80 Prozent gesunken. Erst die Reprivatisierung der Plantagen hielt den schleichenden Niedergang auf. Der Tiefpunkt war aber erst im Jahre 2000 erreicht, da lag die Produktion bei nur noch 20.000 Tonnen. Heute weitet sich der Sisal-Anbau in Nordtansania langsam wieder aus. Nicht zuletzt deshalb, weil das Umweltbewusstsein weltweit gewachsen ist und mehr und mehr Leute erkennen, dass die Sisal-faser eine gute Alternative zu den synthetischen Produkten ist. Sie sind klimaneutral und verrotten problemlos, während sich Synthesefasern nicht auflösen und sich beispielsweise in den Meeren auf unsägliche Weise ansammeln. Doch kommt das Comeback des Sisal-Anbaus leise daher. Es ist mühsam. „Ganz wichtig ist es für uns, die jungen Leute von der Zukunftsfähigkeit dieser Hartfaser zu überzeugen, denn die jüngere Generation assoziiert das Sisal-Business oftmals mit der wenig rühmlichen Kolonialzeit und sieht gar nicht die Chancen, die diese nachhaltige Faserpflanze in der Gegenwart bietet“, versucht Damien Ruhinda, Eigentümer der wunderschön zu Füssen der Usambara-Berge liegenden Plantage in Mkumbura, für das Produkt zu begeistern. Klar ist, es ist nicht nur ein „Leftover“ der Vergangenheit, sondern in Zeiten des Klimawandels ein nachhaltiges Produkt mit vielleicht großer Zukunft. Noch fehlt es aber an allen Ecken und Enden an Innovationen, um sich gegen die Übermacht der am Erdöl hängenden Industrie behaupten zu können. Doch lässt sich einer wie Ruhinda trotz der Widerstände nicht von seinem Engagement für den Sisalanbau und dessen Veredelung im eigenen Land nicht abbringen Als er die Mkumbura-Plantage vor 25 Jahren erwarb, lag sie verlassen darnieder. Heute herrscht dort wieder rege Aktivität. Viele Menschen in den umliegenden Dörfern finden dort Jobs und Einkommen, obgleich die Arbeit auf den Plantagen wahrlich kein Zuckerschlecken ist. Aber: Schwere Arbeit ist besser als keine.
Auf dem Rückweg von der Mkumbura Plantage, die eine Fläche von 17 Quadratkilometer fasst, treffen Jörg und ich in Korogwe die beiden DTP-Freiwilligen Hannah Hänsch und Manuel Schick. Wir sitzen in einem Café hinter einer Tankstelle, vor der eine lustige große Nashorn-Plastik steht. Wir trinken, wie überall üblich, den unsäglichen löslichen Kaffee, der in Plastiktütchen serviert wird. Hannah und Manuel sind vor Ort mit einem Mikrofinanzprojekt beschäftigt, dass die Installation von kleinen Solarlampen voranbringen soll. Sie erzählen von ihren Eindrücken und Erlebnissen am Einsatzort, während wir über Sisal und unserer Reportage berichten. „Und ich dachte, das wären Ananas“, sagt Hannah freimütig über die Agaven, die bis zu zwei Meter hoch werden. Eine ehrliche Antwort, denn wer weiß schon etwas über diese Pflanze, die so vielseitig einsetzbar ist. Ist es doch so, dass die erneuerbaren Energien auch in Tansania in aller Munde sind, aber die nachwachsenden Rohstoffe, die die Grundlage für eine zukunftsorientierte, vom Erdöl abgewandte biobasierte Wirtschaft bilden, kaum eine öffentliche Lobby genießt. Warum eigentlich? Doch wenn ich in meinen Gesprächen mit vielen Akteuren aus der tansanischen Sisal-Branche alles richtig verstanden habe, will auch der neue Präsident die Nutzung der einheimischen Faser neu ankurbeln. Das wäre nicht schlecht, würde dann doch viel Plastikmüll wegfallen und man könnte bestenfalls sogar auf nationale Sauberkeitstage verzichten. Mag sein, dass das zu viel des Sisal-Gesponnenen sei, aber allein schon der Gedanke inspiriert. Vielleicht wäre sogar ein Projekt im Sisal-Bereich auch für die DTP und ihren Freiwilligen ein neues interessantes Betätigungsfeld, in dem erneuerbare Energien, soziales Engagement und biobasiertes Wirtschaften zusammenwachsen könnten.

  1. Author Dierk Jensen

    Dierk Jensen ist freier Journalist und Autor und beschäftigt sich mit erneuerbaren Energien, Umweltthemen und dem globalen Süden. www.dierkjensen.de

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